Rätoromanische Idiome
Rätoromanische Idiome wie Puter, Vallader, Surmiran, Sutsilvan, Sursilvan und das künstlich geschaffene Rumantsch Grischun, kurz das Rätoromanisch oder auch nur das Romanisch, bilden eine Sprache, die der romanischen Sprachfamilie zuzuordnen ist. Sie wird von ca. 40'000 Personen (ca. 0.5 % der Schweizer Bevölkerung) gesprochen, der Grossteil davon lebt aber nicht in Graubünden, sondern in der Diaspora.
Rätoromanische Idiome zu unterscheiden, kann für ein nicht trainiertes Ohr schwierig sein. Dieser kleine Guide versucht, die wichtigsten Unterschiede zwischen den einzelnen Idiomen sowie spezielle Eigenheiten aufzulisten.
Sursilvan
Das Sursilvan ist ein sehr melodiöses Idiom. Die Wörter fliessen stärker als bei den anderen Idiomen ineinander über. Im Gegensatz zu Puter und Vallader, welche die Vokale «a» und «e» stärker verwenden, kommen im Sursilvan die Vokale «u» und «o» deutlich häufiger vor. Auch eine Lautverschiebung des ladinischen «ü» zu «i» ist zu beobachten.
Ein Beispiel für die Lautverschiebung von «a» zu «u» ist das Wort «Mutter»: Im Surmiran, Puter und Vallader heisst es «mamma», im Sutsilvan «mama» und nur im Sursilvan heisst es «mumma».
Typisch für das Sursilvan sind ausserdem die Kombinationen «au» oder «eu». So zum Beispiel im Wort «jeu» (ich). Auch die Orthografie unterscheidet sich im Sursilvan stark vom Ladin: der ladinische Laut «ch», gibt es zwar im Sursilvan auch, wird jedoch als «tg» geschrieben.
Sutsilvan
Das Sutsilvan hat sehr viele Dialekte, die teils sehr verschieden sind, und ist somit nicht ganz einfach zu beschreiben. Klanglich erinnert es teilweise an das Puter, während der Wortschatz eher Verbindungen zum Sursilvan und Surmiran hat.
Das Sutsilvan hat die wenigsten Sprecher:innen von allen Idiomen; es wird von nur noch ca. 1’000 Personen gesprochen. Das Sutsilvan liegt geografisch zwischen dem Sursilvan und dem Surmiran. Es hat also starke Ähnlichkeiten zu diesen beiden Idiomen.
Surmiran
Das Surmiran ist anders als das Sursilvan härter und akzentuierter, also ähnlicher wie das Puter. Im Gegensatz zum Puter hat es jedoch weniger Diphthonge. Zum Beispiel heisst Hund im Surmiran «tgang», im Puter jedoch «chaun».
Im Surmiran sind die Vokale und Vokalkombinationen «a», «i» und «ei»/«ai» besonders prominent. Häufig genutzt sind zudem auch die Buchstabenkombinationen «gl» und «gn», welche wie ein weiches «l» bzw. «n» ausgesprochen werden. Das Surmiran liegt geografisch in der Mitte zwischen den anderen Idiomen. Für Sprecherinnen und Sprecher des Surmirans ist es also einfacher, andere Idiome zu verstehen.
Puter
Das Puter bildet zusammen mit dem Vallader das Ladin. Diese beiden Idiome sind sich sehr ähnlich, weshalb Sprecherinnen und Sprecher sich gegenseitig einfach verstehen. Ein grosser Unterschied zum Vallader ist jedoch, dass das Puter das «e» verwendet, wie zum Beispiel die Verb-Endung «-er» (mit langem «e»). Auch in Wörtern wie Haus «chesa» (Vallader: chasa) ist lediglich eine Vokalverschiebung von «a» zu «e» der Unterschied.
Im Puter werden die Umlaute «ö» und «ü» häufig genutzt, wie zum Beispiel im Wort «raguröl» (Schüttstein) oder «utschè mezmür» (Fledermaus). Es gibt das «ä» zwar nicht geschrieben, aber die Diphthonge «ai» und «au» werden wie das Deutsche «ä» ausgesprochen.
Zur Aussprache des Puters geht es hier.
Vallader
Im Vallader tritt der Vokal «a» sehr häufig auf. Viele Verben enden auf «-ar», und in vielen Wörtern bildet dieser Vokalwechsel den Unterschied zum Puter. Ein Beispiel dafür ist das Wort Haus, welches im Puter «chesa» und im Vallader «chasa» heisst.
Wie auch im Puter gibt es im Vallader die Vokalkombination «ai», es wird jedoch immer als «ai» ausgesprochen und nie wie ein «ä». Das Vallader nutzt die Umlaute «ö» und «ü» ebenfalls.
Rumantsch Grischun – Rätoromanische Idiome vereint
Das Rumantsch Grischun wurde ab 1982 als Standardsprache des Rätoromanischen entwickelt. Das Ziel der künstlichen Standardsprache war, das Rätoromanisch vor dem Aussterben zu schützen. Für die Bildung des Rumantsch Grischun wurden die drei sprecherstärksten Idiome Sursilvan, Surmiran und Vallader miteinander verglichen; es wurde die jeweils am häufigsten verwendete Wortform übernommen.
Ebenfalls wurden separate Rechtschreibregeln für das Rumantsch Grischun festgelegt. Der Laut «ch» oder «tg» wird am Anfang des Wortes als «ch» geschrieben, im Wortinnern oder am Wortende als «tg». Deshalb wird Hund als «chaun», aber Entschuldigung als «perstgisa» geschrieben.
Vergleich rätoromanischer Idiome
| Sursilvan | Sutsilvan | Surmiran | Puter | Vallader | Rumantsch Grischun | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mutter | mumma | mama | mamma | mamma | mamma | mamma |
| ich | jeu | jou | ia | eau | eu | jau |
| Entschuldigung | perstgisa | stgisa | stgisa | s-chüsa | s-chüsa | perstgisa |
| Haus | casa | tgeasa | tgesa | chesa | chasa | chasa |
| Hund | tgaun | tgàn | tgang | chaun | chan | chaun |
| wohnen | avdar | avdar | abitar | abiter | abitar | abitar, avdar |
Die rätoromanischen Idiome sind teilweise sehr eng verwandt:
- Besonders gut sichtbar sind die verschiedenen Schreibweisen am Wort «Entschuldigung». Was in Puter und Vallader als «s-ch» geschrieben wird, wird in den anderen Idiomen als «stg» geschrieben. Das «s» vor Konsonanten wird als «sch» ausgesprochen, während «tg» dem ladinischen «ch» entspricht.
- Eine Vokalverschiebung lässt sich ebenfalls gut beobachten: Das ladinische «ü» wird bei den anderen Idiomen oft zum «i».
- Teilweise erkennt man auch die geografische Nähe zwischen den Idiomen, wie zum Beispiel beim Wort «Haus».
- Das «j», welches im Sursilvan und Sutsilvan oft vorkommt, ist in den anderen Idiomen eher selten zu finden. Im Puter zum Beispiel wird es nur als langes «i» gekannt, so auch der Name «i lung»
Ein interessanter Vergleich von Puter und Sursilvan findet sich in der Präsentation von Jonas Schuhmacher.
Text- und Tonbeispiele sowie eine ausführlichere Tabelle der Vokalverschiebungen sind auf der Webseite der Lia Rumantscha zu finden: Text- und Tonbeispiele.
